Wenn Männeke und ich die Länge unserer Schuregale vergleichen, muss ich mich immer verdammt schnell geschlagen geben. Einen männlichen Schuhfetischisten im Haushalt zu haben ist nicht immer leicht - ich kann also die vielen leidgeplagten Männer verstehen, die zu stöhnen beginnen, sobald ihre Holde dieses Glitzern in den Augen beim Anblick eines Schuhgeschäfts bekommt.
Männeke schleift also regelmäßig neue Beutestücke nachhause, die er dann auch tatsächlich trägt. Und ich? Tja. Ich weiß nicht, ob es an meinem Füßen, meinem Geschmack oder der Auswahl in den Geschäften liegt, aber ich finde selten ein Paar, das
- passt
- gefällt
- weder nach Lady Gaga noch nach Hippie-Gedenk-Latschen aussieht
- keinen halben Monatslohn kostet
- hochwertig verarbeitet ist.
Einen der Punkte muss ich eigentlich bei jedem Paar streichen, und das geht mir schon seit Ewigkeiten auf den Zeiger. Um billige Schuhe und Trend-Marken mache ich seit jeher einen Bogen, aber selbst bei teureren Schuhen sieht es häufig mau aus. Nach Plastik müffelnd, weder Profil noch Fußbett, dafür mit elend harter Ferse, hohem Absatz und scharfen Kanten, sind sie maximal zum Sitzen geeignet. Ich habe Blasen, wunde Zehen, schmerzende Fersen und wundegescheuerte Knöchel.
Und die Verarbeitung? Nach einem Monat ist die Sohle bereits halb abgeschleift, nach einem halben Jahr löst sich der Kleber, nach einem Jahr zerbröselt das Obermaterial. Da ich täglich bis zu 6 km laufe, muss ich mich auf meine Treter verlassen können. Insofern kommt es oft vor, dass ich, sobald sich ein Paar als bequem herausstellt, ins Geschäft galoppiere und mir ein zweites Paar auf Vorrat kaufe. Damit ich nächstes Jahr noch was davon habe.
Ich weiß nicht, wie andere Frauen es schaffen, dutzende Paare zu besitzen. Glück? Kein Schmerzempfinden in den Zehen? Perfekt geformte Füße? Oder laufen sie ganz einfach nicht mit den Schuhen außerhalb des Büros?
Männeke schmunzelt mittlerweile nur noch über meine kümmerliche Auswahl (10 Paar, von denen ich bei 3 Paaren noch ungetragene Dubletten habe) und shoppt fleißig weiter. Hätte ich Männerfüße, dann wäre ich im Paradies - bei den Herrenschuhen gefällt mir irgendwie alles, nur will mir nichts davon passen. Also betrachte ich weiter grantelig die überquellenden Regale in den Damenabteilungen der Schuhläden. Das Leben ist nicht fair :(
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Montag, 19. Mai 2014
Freitag, 18. April 2014
Aufreger der Woche #8 - Qualität auf Talfahrt
Seit ich einen Großteil meiner Kleidung gebraucht kaufe, etwa über kleiderkreisel.de oder ebay, betrete ich kaum noch Klamottenläden. Insofern komme ich kaum noch in Berührung mit dem, was landläufig die "neue Kollektion" geschimpft wird, sondern trage eben das, was letztes Jahr verkauft wurde.
Bei meinen letzten Second Hand-Käufen fiel mir allerdings mehr und mehr auf, dass die Qualität vieler Marken über die Jahre nachgelassen hat - während die Neupreise teilweise gewaltig stiegen. Manche meiner Pullover von Marke X besitze ich schon seit Jahren, sie bestehen aus angenehm dicker Baumwolle, sind gut verarbeitet und weder verzogen noch verrupft. Die trage ich wirklich auf, bis nichts mehr geht - auf Trends pfeife ich. Aber die Stücke aus den neueren Kollektionen? Ein Graus. Nicht nur, dass der Stoff dünn und fadenscheinig ist, die Oberteile leiern schon beim Probieren so aus, als hätte man sie bereits 2 Tage lang getragen. 10 Mal waschen, und das Shirt ist ein Putzlappen.
Die Röcke, die von Marke Y stammen, waren vor etwa 5 Jahren ganz herrliche Stücke aus seidenweichem Batist, angenehm lang und schwingend. Und heute? Kunstfaser, knatscheng, mit grausligen Mustern und ganz fies vernäht. Neupreis wie gehabt bei mindestens 50 Ocken.
Und so geht es immer weiter. Schuhe: Früher schrubbte ich in denen über 2 Jahre täglich 5 km, heute verabschiedet sich nach einem Quartal schon die Sohle. Meine Brillenfassungen waren von Marke Z absolut unverwüstlich, bis ich beim nächsten Modell dem Lack schon nach einem Monat beim Bröseln zusehen konnte. Reklamation brachte mir nur ein zweites Bröselmodell ein.
Ansonsten hilft einfach der geübte, kritische Blick, wenn man ein Kleidungsstück in die Hand nimmt:
Stoff:
Damit steht und fällt eigentlich das ganze Kleidungsstück. Schlechtes Material kann nie ein gutes Endprodukt werden, egal in welcher Branche. Insofern ist hier wichtig:
Wie ist die Qualität des Stoffes? Ist er sehr dünn, fast schon durchscheinend? (bei Sommergarderobe natürlich eher gewünscht) Gibt der Stretch mehr nach als beabsichtigt? Findet man gar schon Löcher im Gewebe bzw. an den Nahtstellen? Wie hoch ist der Anteil natürlicher Fasern? Und nach dem Kauf: Blutet die Farbe sehr stark aus?
Muster:
Ob kariert, gestreift, geblümt oder gepunktet: Gemusterte Stoffe sind anspruchsvoll, was die Verarbeitung angeht, und daran entlarvt man eigentlich relativ leicht schlampige Zuschnitte und Näharbeiten. Denn der Rapport, also die kleinste Einheit eines sich wiederholenden Musters, sollte im fertigen Kleidungsstück harmonisch an den Nähten zusammenstoßen. Je größer der Rapport ist, desto kniffliger wird das ganze und desto mehr Verschnitt entsteht beim Stoff. Entsprechend sind minderwertige gemusterte Stücke häufig mehr schlecht als recht zusammengestoppelt und wirken dadurch unruhig.
Ein gutes Beispiel sind Business-Anzüge: Schaut euch mal teure Sakkos mit Nadelstreifen an - die Streifen treffen an Nähten und an den Taschen immer exakt aufeinander.
Und Karostoff gilt als Material für Fortgeschrittene und bekommt in manchen meiner Nähbücher sogar ein eigenes Kapitel für den Zuschnitt gewidmet.
Zuschnitt:
Kleidung von der Stange sind keine Maßanfertigung, das muss man sich immer vor Augen führen. Es sind Standard-Schnitte in Standard-Größen. Insofern ist es kaum zu vermeiden, dass ein Kleid Person A zufällig passt wie angegossen, während es an Person B Falten und Beulen wirft.
Dennoch dürfen die Zuschnitte nicht ungleichmäßig sein: Unterschiedlich lange Ärmel, Röcke, die vorne kürzer sind als hinten, schiefe Taillen oder ungleiche Schultern kann man leicht entdecken, wenn man Kleidungsstücke mittig zusammenfaltet und die beiden Hälften auf ungleiche Stellen kontrolliert. Teilweise sind sogar zwei exakt gleiche Kleidungsstücke unterschiedlich geschnitten - es schadet also nie, bei der Anprobe zwei Exemplare mitzunehmen und beide zu testen.
Nähte:
Jetzt geht es allmählich an die Details. Nähte sollen in erster Linie den Stoff zusammenhalten, logisch. Wer selbst näht (und auf Qualität achtet), weiß, wie schwierig gute Nähte sind und wie oft man vermurkste wieder auftrennen muss - eine schlampige Naht kann im Extremfall das ganze Kleidungsstück ruinieren, wenn sie etwa ausfranst auf gar aufreißt. Insofern sollte man skeptisch werden, wenn man lose Fäden findet, die Naht bereits stellenweise aufgelöst ist, die Stiche sehr lang oder unregelmäßig sind und ein minderwertiges und schnell reißendes Garn verwendet wurde. Industriell gefertigte Shirts werden häufig mit Over- und Coverlockmaschinen vernäht, die beim Nähen bereits zuschneiden bzw. eine Doppelnäht samt Zickzack-Versäuberung in einem Arbeitsgang erledigen. Diese Nähte dröseln sich erfahrungsgemäß sehr gern auf, wenn der Stoff etwa nicht genau aufeinanderlag.
Informationen:
Die im Innern eingenähten Etiketten werden meistens ungelesen herausgetrennt und entsorgt - weil sie kratzen, sich abzeichen und einfach nerven. Trotzdem sollte man einen Blick riskieren, denn diese Zettelchen geben einige Infos über Material, Herkunft, besondere Pflegehinweise (abfärbende Stoffe etwa) und enthalten im besten Falle auch Ersatzteile wie Knöpfe.
Fehlen diese Etiketten komplett, ist allerhöchste Vorsicht geraten - dann hält man häufig ein illegal hergestelltes Stück in den Händen, bei dem man nicht nachvollziehen kann, aus welchem Stoff es ist und woher es stammt. Lieber Finger weg!
Bei meinen letzten Second Hand-Käufen fiel mir allerdings mehr und mehr auf, dass die Qualität vieler Marken über die Jahre nachgelassen hat - während die Neupreise teilweise gewaltig stiegen. Manche meiner Pullover von Marke X besitze ich schon seit Jahren, sie bestehen aus angenehm dicker Baumwolle, sind gut verarbeitet und weder verzogen noch verrupft. Die trage ich wirklich auf, bis nichts mehr geht - auf Trends pfeife ich. Aber die Stücke aus den neueren Kollektionen? Ein Graus. Nicht nur, dass der Stoff dünn und fadenscheinig ist, die Oberteile leiern schon beim Probieren so aus, als hätte man sie bereits 2 Tage lang getragen. 10 Mal waschen, und das Shirt ist ein Putzlappen.
Die Röcke, die von Marke Y stammen, waren vor etwa 5 Jahren ganz herrliche Stücke aus seidenweichem Batist, angenehm lang und schwingend. Und heute? Kunstfaser, knatscheng, mit grausligen Mustern und ganz fies vernäht. Neupreis wie gehabt bei mindestens 50 Ocken.
Und so geht es immer weiter. Schuhe: Früher schrubbte ich in denen über 2 Jahre täglich 5 km, heute verabschiedet sich nach einem Quartal schon die Sohle. Meine Brillenfassungen waren von Marke Z absolut unverwüstlich, bis ich beim nächsten Modell dem Lack schon nach einem Monat beim Bröseln zusehen konnte. Reklamation brachte mir nur ein zweites Bröselmodell ein.
Auf der Jagd nach der verlorenen Qualität
Mittlerweile scheint es wirklich eine Herausforderung zu sein, Mode mit halbwegs passabler Qualität zu finden. Sich am Preis zu orientieren ist keine Lösung, viele Marken verlangen wahre Mondpreise, damit man ihre stylischen Läden und Werbekampagnen mit finanziert. Als qualitätsbewusster Mensch wird man also zum Jäger, der durch die Stadt läuft und verzweifelt etwas sucht, dass er nicht schon nach einmaligen Tragen entsorgen kann.Was also tun?
Zum einen natürlich - auftragen. Aber irgendwann ist auch das beste Shirt mal verwaschen, der Lieblingsrock fadenscheinig, die Schuhe durchgelatscht. Eine halbwegs sichere Alternative sind natürlich die vielen Zertifizierungen und Labels der "grünen" Mode. Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt hat, für ein Kleidungsstück das Zwei- bis Dreifache des Preises zu zahlen, den man in konventionellen Läden verlangt, bekommt man dafür auch passable Kleidung.Ansonsten hilft einfach der geübte, kritische Blick, wenn man ein Kleidungsstück in die Hand nimmt:
Stoff:
Damit steht und fällt eigentlich das ganze Kleidungsstück. Schlechtes Material kann nie ein gutes Endprodukt werden, egal in welcher Branche. Insofern ist hier wichtig:
Wie ist die Qualität des Stoffes? Ist er sehr dünn, fast schon durchscheinend? (bei Sommergarderobe natürlich eher gewünscht) Gibt der Stretch mehr nach als beabsichtigt? Findet man gar schon Löcher im Gewebe bzw. an den Nahtstellen? Wie hoch ist der Anteil natürlicher Fasern? Und nach dem Kauf: Blutet die Farbe sehr stark aus?
Muster:
Ob kariert, gestreift, geblümt oder gepunktet: Gemusterte Stoffe sind anspruchsvoll, was die Verarbeitung angeht, und daran entlarvt man eigentlich relativ leicht schlampige Zuschnitte und Näharbeiten. Denn der Rapport, also die kleinste Einheit eines sich wiederholenden Musters, sollte im fertigen Kleidungsstück harmonisch an den Nähten zusammenstoßen. Je größer der Rapport ist, desto kniffliger wird das ganze und desto mehr Verschnitt entsteht beim Stoff. Entsprechend sind minderwertige gemusterte Stücke häufig mehr schlecht als recht zusammengestoppelt und wirken dadurch unruhig.
Ein gutes Beispiel sind Business-Anzüge: Schaut euch mal teure Sakkos mit Nadelstreifen an - die Streifen treffen an Nähten und an den Taschen immer exakt aufeinander.
Und Karostoff gilt als Material für Fortgeschrittene und bekommt in manchen meiner Nähbücher sogar ein eigenes Kapitel für den Zuschnitt gewidmet.
Zuschnitt:
Kleidung von der Stange sind keine Maßanfertigung, das muss man sich immer vor Augen führen. Es sind Standard-Schnitte in Standard-Größen. Insofern ist es kaum zu vermeiden, dass ein Kleid Person A zufällig passt wie angegossen, während es an Person B Falten und Beulen wirft.
Dennoch dürfen die Zuschnitte nicht ungleichmäßig sein: Unterschiedlich lange Ärmel, Röcke, die vorne kürzer sind als hinten, schiefe Taillen oder ungleiche Schultern kann man leicht entdecken, wenn man Kleidungsstücke mittig zusammenfaltet und die beiden Hälften auf ungleiche Stellen kontrolliert. Teilweise sind sogar zwei exakt gleiche Kleidungsstücke unterschiedlich geschnitten - es schadet also nie, bei der Anprobe zwei Exemplare mitzunehmen und beide zu testen.
Nähte:
Jetzt geht es allmählich an die Details. Nähte sollen in erster Linie den Stoff zusammenhalten, logisch. Wer selbst näht (und auf Qualität achtet), weiß, wie schwierig gute Nähte sind und wie oft man vermurkste wieder auftrennen muss - eine schlampige Naht kann im Extremfall das ganze Kleidungsstück ruinieren, wenn sie etwa ausfranst auf gar aufreißt. Insofern sollte man skeptisch werden, wenn man lose Fäden findet, die Naht bereits stellenweise aufgelöst ist, die Stiche sehr lang oder unregelmäßig sind und ein minderwertiges und schnell reißendes Garn verwendet wurde. Industriell gefertigte Shirts werden häufig mit Over- und Coverlockmaschinen vernäht, die beim Nähen bereits zuschneiden bzw. eine Doppelnäht samt Zickzack-Versäuberung in einem Arbeitsgang erledigen. Diese Nähte dröseln sich erfahrungsgemäß sehr gern auf, wenn der Stoff etwa nicht genau aufeinanderlag.
Informationen:
Die im Innern eingenähten Etiketten werden meistens ungelesen herausgetrennt und entsorgt - weil sie kratzen, sich abzeichen und einfach nerven. Trotzdem sollte man einen Blick riskieren, denn diese Zettelchen geben einige Infos über Material, Herkunft, besondere Pflegehinweise (abfärbende Stoffe etwa) und enthalten im besten Falle auch Ersatzteile wie Knöpfe.
Fehlen diese Etiketten komplett, ist allerhöchste Vorsicht geraten - dann hält man häufig ein illegal hergestelltes Stück in den Händen, bei dem man nicht nachvollziehen kann, aus welchem Stoff es ist und woher es stammt. Lieber Finger weg!
Freitag, 11. April 2014
Aufreger der Woche #7 - Schnitzeljagd im Supermarkt
In meiner saarländischen Heimat gibt es eine große Supermarktkette namens "Globus", die ich wirklich liebe, die mich aber manchmal zur Weißglut bringt. Warum? Machen wir mal ein kleines Gedankenspiel:
Es ist Freitag, 18 Uhr. Ihr seid müde, hungrig, durchgekaut von der langen Arbeitswoche. Ihr betretet den Supermarkt, mit dem Vorhaben, schnell den Kühlschrank für das Wochenende zu füllen. Ihr krallt Korb oder Einkaufswagen, dirigiert ihn durch die Gänge, dorthin, wo Produkt X schon seit Urzeiten liegt und das ihr deshalb auch nie suchen müsst.
Und plötzlich steht ihr vor einem völlig anderen Regal.
Zaghafter Blick in den Hauptgang - nein, alles roger, ihr seid richtig abgebogen. Nur der Regalinhalt, der ist anders. Und zwar komplett anders. Es wurde umgeräumt. Und nicht nur so ein bisschen durchmischt, von oben nach unten vielleicht, nein. Da wurde mal eben das Feinkostregal leergeräumt und mit Nudelprodukten gefüllt. Kein Dijonsenf, keine Oliven, keine Würzpasten weit und breit.
Jetzt beginnt der Spaß: Hektisches Rennen durch die Nebengänge, ein Blick in jedes Regal - nix, nix, wieder nix. Wo zum Henker ...? Eine Aushilfe gerät ins Blickfeld und beginnt auf die Nachfrage nach dem verschollenen Feinkostregal hin zu stammeln. Neuer Warenspiegel ... Erst seit Wochenanfang dabei ... Keine Ahnung ... Sucht mal eben die Kollegin, die weiß das sicher ...
Nach etwa 15 Minuten findet man den Krempel dann endlich - verstreut bei Fertigprodukten, Soßengläsern und Dosenobst.
Dieser Markt macht das oft - für meinen Geschmack zu oft. Praktisch über Nacht werden komplette Abteilungen umgeworfen und neu arrangiert, so dass man als Kunde in einem fremden Laden steht - und entsprechend verzweifelt die gewünschten Artikel sucht. Da verschwindet die halbe Drogerieabteilung, nur um am anderen Ladenende bei den Babyprodukten wieder aufzutauchen. Herrlich, diese Rennerei.
Die Angestellten erklären das mit logistischen und warenwirtschaftlichen Gründen. Der Zyniker in mir betrachtet das als Hinhalte- und Verwirrungstaktik, um den Kunden möglichst lange und möglichst intensiv alle Produkte abgrasen zu lassen. Das von mir gern angesteuerte Bio-Regal wurde beispielsweise aufgelöst und alle Artikel ihren entsprechenden Bereichen zugeordnet - man muss also zwangsweise durch das (nicht gerade kleine) Geschäft kreiseln und alles zusammensuchen, wo man früher einfach einmal das Regal entlangstreifte. Dabei findet man zum einen 50 % der gewünschten Artikel nicht und hat zum anderen 100 % mehr Artikel im Korb als eigentlich beabsichtigt. Humpf.
Mittlerweile betrete ich das Geschäft nur noch montags, wenn ich genug Nerven habe - oder genug Zeit, die Angestellten mit wirklich jedem gesuchten Artikel zu nerven. Denn die Damen, man mag es kaum glauben, fangen dann auch an zu suchen. Und wundern sich über die teilweise unlogischen Warenspiegel ...
Es ist Freitag, 18 Uhr. Ihr seid müde, hungrig, durchgekaut von der langen Arbeitswoche. Ihr betretet den Supermarkt, mit dem Vorhaben, schnell den Kühlschrank für das Wochenende zu füllen. Ihr krallt Korb oder Einkaufswagen, dirigiert ihn durch die Gänge, dorthin, wo Produkt X schon seit Urzeiten liegt und das ihr deshalb auch nie suchen müsst.
Und plötzlich steht ihr vor einem völlig anderen Regal.
Zaghafter Blick in den Hauptgang - nein, alles roger, ihr seid richtig abgebogen. Nur der Regalinhalt, der ist anders. Und zwar komplett anders. Es wurde umgeräumt. Und nicht nur so ein bisschen durchmischt, von oben nach unten vielleicht, nein. Da wurde mal eben das Feinkostregal leergeräumt und mit Nudelprodukten gefüllt. Kein Dijonsenf, keine Oliven, keine Würzpasten weit und breit.
Jetzt beginnt der Spaß: Hektisches Rennen durch die Nebengänge, ein Blick in jedes Regal - nix, nix, wieder nix. Wo zum Henker ...? Eine Aushilfe gerät ins Blickfeld und beginnt auf die Nachfrage nach dem verschollenen Feinkostregal hin zu stammeln. Neuer Warenspiegel ... Erst seit Wochenanfang dabei ... Keine Ahnung ... Sucht mal eben die Kollegin, die weiß das sicher ...
Nach etwa 15 Minuten findet man den Krempel dann endlich - verstreut bei Fertigprodukten, Soßengläsern und Dosenobst.
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| Quelle: sueddeutsche.de |
Dieser Markt macht das oft - für meinen Geschmack zu oft. Praktisch über Nacht werden komplette Abteilungen umgeworfen und neu arrangiert, so dass man als Kunde in einem fremden Laden steht - und entsprechend verzweifelt die gewünschten Artikel sucht. Da verschwindet die halbe Drogerieabteilung, nur um am anderen Ladenende bei den Babyprodukten wieder aufzutauchen. Herrlich, diese Rennerei.
Die Angestellten erklären das mit logistischen und warenwirtschaftlichen Gründen. Der Zyniker in mir betrachtet das als Hinhalte- und Verwirrungstaktik, um den Kunden möglichst lange und möglichst intensiv alle Produkte abgrasen zu lassen. Das von mir gern angesteuerte Bio-Regal wurde beispielsweise aufgelöst und alle Artikel ihren entsprechenden Bereichen zugeordnet - man muss also zwangsweise durch das (nicht gerade kleine) Geschäft kreiseln und alles zusammensuchen, wo man früher einfach einmal das Regal entlangstreifte. Dabei findet man zum einen 50 % der gewünschten Artikel nicht und hat zum anderen 100 % mehr Artikel im Korb als eigentlich beabsichtigt. Humpf.
Mittlerweile betrete ich das Geschäft nur noch montags, wenn ich genug Nerven habe - oder genug Zeit, die Angestellten mit wirklich jedem gesuchten Artikel zu nerven. Denn die Damen, man mag es kaum glauben, fangen dann auch an zu suchen. Und wundern sich über die teilweise unlogischen Warenspiegel ...
Freitag, 4. April 2014
Aufreger der Woche #6 - Perdü
Es gab Zeiten, da hielten sie ewig - das Radio mit Holzverkleidung, die Küchenmaschine von Bosch, die gute alte Koffernähmaschine samt Untertisch, der Benzinfresser mit Revolverschaltung. Sie waren dazu gemacht, ewig ihren Dienst zu tun, und dafür eben etwas teurer, klobiger, schwerer, praktisch designter.
Heute möchte man so was natürlich nicht, ganz klar. Heute muss man schon zeigen, dass man mit der Zeit geht und keinen Trend verpasst, und sei es nur die neueste Gehäusefarbe der Kaffeekapsel-Maschine. Dank einer ganz wunderbaren Idee namens geplanter Obsoleszenz kommen wir Kunden heutzutage in den Genuss, uns regelmäßig all die neuen, hübschen, modernen, coolen Geräte kaufen zu dürfen, die der Markt extra für uns herstellt und aufwändig vermarktet. Weil unsere alten Geräte so zuverlässig sind und genau dann den Löffel abgeben, wenn die Garantie gerade verstrichen ist, haben wir also immer direkt das neuere Exemplar davon parat. Praktisch, oder?
Aber seit einigen Tagen habe ich eine verdammt große Elektroleiche in meiner Wohnung, die nicht nur mental, sondern auch räumlich ein Loch hinterlässt (hier noch in meinem alten Zimmer):
Keine 7 Jahre hat er auf dem Buckel, 1 Reparatur in der Garantiezeit und über 1500 Ocken teuer damals (ich war wahnsinnig, ich weiß ...). Jetzt schlägt die Macht der modernen Technik zurück, und exakt der gleiche Fehler wie damals tauchte auf - ein ganz eigenartig gedoppeltes Bild, das von unten nach oben gespiegelt wird. Damals wurde ein Teil auf dem Mainboard ausgetauscht, erzählte man mir. Die geschätzten Reparaturkosten wurden damals schon auf knappe 200 € geschätzt.
Und das bedeutet: Ich bin ohne eigenen Fernseher. Zum ersten Mal seit ... uhm ... 20 Jahren?
Nicht, dass ich viel und oft schaue (meistens läuft das Gerät als Hintergrundrauschen, wenn ich nähe), aber ich stelle mir die Umstellphase schon sehr interessant vor. Und ich habe beschlossen, dass ich die Zeit, in der ich sonst tatsächlich das Gerät anstarrte, bewusst nutze. Etwa, abends ordentlich am Tisch zu sitzen, statt mir ein Brot auf dem Sofa zwischen die Kauleiste zu schieben. Oder samstags nachmittags nicht aus Reflex das Ding einschalte, weil mich die Stille stört, sondern einfach mal Musik höre. Oder meine Xbox abbaue und verstaue. Oder meine DVD-Sammlung tüchtig ausmiste und den Rest bei Männeke deponiere.
Oder mir überlege, was ich mit dem freigewordenen Lowboard anstelle, das sehr bald leer und verlassen dastehen wird.
Hui, was so ein Gerät auch alles an Umwälzungen mit sich bringen kann ...
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| Quelle: holidaycheck.de |
Heute möchte man so was natürlich nicht, ganz klar. Heute muss man schon zeigen, dass man mit der Zeit geht und keinen Trend verpasst, und sei es nur die neueste Gehäusefarbe der Kaffeekapsel-Maschine. Dank einer ganz wunderbaren Idee namens geplanter Obsoleszenz kommen wir Kunden heutzutage in den Genuss, uns regelmäßig all die neuen, hübschen, modernen, coolen Geräte kaufen zu dürfen, die der Markt extra für uns herstellt und aufwändig vermarktet. Weil unsere alten Geräte so zuverlässig sind und genau dann den Löffel abgeben, wenn die Garantie gerade verstrichen ist, haben wir also immer direkt das neuere Exemplar davon parat. Praktisch, oder?
Unschuldiger Hersteller?
Die Hersteller streiten natürlich unerbittlich ab, dass sie Sollbruchstellen in ihre Geräte einbauen. Aber den Grund für Zahnräder aus Plastik in Mixern, wärmeempfindliche Lötstellen in Mainboards, fest verbaute Akkus in Handys und Zählerchips in Druckern wollen sie nicht erklären. Meistens sind es winzige Bauteile, die gerade mal ein paar Cent kosten, aber das komplette Gerät in teuren Müll verwandeln können. Reparieren lassen sich die Geräte selten, und wenn, dann ist eine Reparatur teurer als ein Neukauf und wird von vielen Händlern schon gar nicht mehr angeboten. Aus "Kulanz" drückt man dem Kunden eben ein neues Bügeleisen in die Hand und lässt ihn wieder abdampfen (welch ein Wortwitz *g* ).Meine Erfahrung mit der lieben Obsoleszenz
Ich hatte mir schon vor langer Zeit geschworen, elektische Geräte bis zum bitteren Ende zu benutzen, zu reparieren, was sich reparieren lässt, und nach dem Tod eines Geräts zu überlegen, ob sich eine Neuanschaffung lohnt. Denn vieles von dem ganzen (größtenteils billigen) Krempel braucht man eigentlich gar nicht, stellt sich damit nur Küche, Keller und Abstellraum voll. Bei vielen Kleingeräten fiel mir der Abschied sehr leicht (Stichwort: Sandwichmaker ...). Bei anderen musste ich schon ein paar mal schlucken, ehe ich mich dann mit der mechanischen Alternative anfreundete (Allesschneider).Aber seit einigen Tagen habe ich eine verdammt große Elektroleiche in meiner Wohnung, die nicht nur mental, sondern auch räumlich ein Loch hinterlässt (hier noch in meinem alten Zimmer):
Ein Leben ohne Glotze? Challenge accepted!
Ich habe lange überlegt, ob ich eine erneute Reparatur durchführen lassen soll. Aber ein Gerät, dessen Zeitwert wohl im zweistelligen Bereich liegt, für eine dreistellige Summe flicken zu lassen, ist nicht wirklich wirtschaftlich. So sehr es mir widerstrebt, aber die Kiste und ich haben wohl die längste Zeit miteinander gelebt. Die Obsoleszenz hat ein weiteres Opfer gefordert, das ich diesmal nicht mehr retten kann.Und das bedeutet: Ich bin ohne eigenen Fernseher. Zum ersten Mal seit ... uhm ... 20 Jahren?
Nicht, dass ich viel und oft schaue (meistens läuft das Gerät als Hintergrundrauschen, wenn ich nähe), aber ich stelle mir die Umstellphase schon sehr interessant vor. Und ich habe beschlossen, dass ich die Zeit, in der ich sonst tatsächlich das Gerät anstarrte, bewusst nutze. Etwa, abends ordentlich am Tisch zu sitzen, statt mir ein Brot auf dem Sofa zwischen die Kauleiste zu schieben. Oder samstags nachmittags nicht aus Reflex das Ding einschalte, weil mich die Stille stört, sondern einfach mal Musik höre. Oder meine Xbox abbaue und verstaue. Oder meine DVD-Sammlung tüchtig ausmiste und den Rest bei Männeke deponiere.
Oder mir überlege, was ich mit dem freigewordenen Lowboard anstelle, das sehr bald leer und verlassen dastehen wird.
Hui, was so ein Gerät auch alles an Umwälzungen mit sich bringen kann ...
Freitag, 28. März 2014
Aufreger der Woche #5 - Wardrobing
Als ich vor einigen Tagen seit langer Zeit wieder an der Kasse eines Kleidungsgeschäftes stand (mit einem paar Socken in der Hand - eines der wenigen Kleidungsstücke, die ich wirklich nicht gebraucht kaufen will), stand vor mir eine Dame mit einem Stapel Klamotten, den sie umtauschen wollte. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Kassiererin das Zeug zusammenraffte, einscannte und das Geld zückte, gab mir zu denken - sie schaute sich die Sachen nicht mal genau an, prüfte nur, ob die Etiketten dran sind. Selbst Umtausch ohne Kassenzettel wird immer öfter akzeptiert, zumindest durch Ausstellung eines Gutscheins.
Mit Sicherheit hat jeder schon mal Kleidung gekauft, sei es online oder im Geschäft, und sie zuhause nochmal angezogen, ohne das Etikett zu entfernen - um zu schauen, wie das Oberteil mit den Hosen harmoniert, um herauszufinden, ob das Kleid im heimischen Spiegel immer noch so süß ist, oder um zu testen, ob die Schuhe nach halbstündigem Tragen in der Wohnung nirgends zwacken und reiben.
Oder?
Fakt ist, dass solches Verhalten Betrug ist - es verursacht Schäden von umgerechnet über 6 Milliarden Euro, die von den restlichen Kunden mitgetragen werden müssen. Kleidung, die eindeutige Tragespuren aufweisen, kann nach dem Umtausch nicht mehr verkauft werden. Und aus Angst, den Kunden zu verlieren, nehmen einige Geschäfte auch sichtbar getragene Kleidungsstücke zurück.
Meistens sind es besondere Anlässe, etwa Feste oder einzelne Bewerbungsgespräche, die eine Anschaffung teurer Klamotten unrentabel machen. Wozu ein paar 100 Euro ausgeben, wo man das Kleid doch eh nur einen Abend lang trägt? Man macht es schließlich weder kaputt noch schmutzig. Und wenn so ein Fummel im Geschäft mehrmals anprobiert wird, sieht es danach auch nicht mehr taufrisch aus.
Mehr Infos auf sueddeutsche.de.
Ein neuer Trend - Wardrobing
Bei uns zum Glück noch eine Randerscheinung, grassiert in den USA ein bedenklicher Trend in Sachen Umtausch: Wardrobing, das systematische Kaufen, Tragen und Zurückgeben von Kleidung.Mit Sicherheit hat jeder schon mal Kleidung gekauft, sei es online oder im Geschäft, und sie zuhause nochmal angezogen, ohne das Etikett zu entfernen - um zu schauen, wie das Oberteil mit den Hosen harmoniert, um herauszufinden, ob das Kleid im heimischen Spiegel immer noch so süß ist, oder um zu testen, ob die Schuhe nach halbstündigem Tragen in der Wohnung nirgends zwacken und reiben.
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| Quelle: Pixabay |
Was ist erlaubt?
Was aber, wenn man die Kleidung danach nicht mehr auszieht, sondern sie einfach anbehält, das Etikett nicht entfernt, das Outfit abends auf der Party trägt? Wenn man dann, tja, den ganzen Klumpatsch wieder ins Geschäft schleift, den lieblichen Augenaufschlag macht und bedauernd erklärt, dass das Zeug auch nach längerer, ähm, Bedenkzeit irgendwie doch nicht passt? Kassenbon hat man noch, Etikett ist schließlich auch noch drin, alles geritzt.Oder?
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| Quelle: Pixabay |
Meistens sind es besondere Anlässe, etwa Feste oder einzelne Bewerbungsgespräche, die eine Anschaffung teurer Klamotten unrentabel machen. Wozu ein paar 100 Euro ausgeben, wo man das Kleid doch eh nur einen Abend lang trägt? Man macht es schließlich weder kaputt noch schmutzig. Und wenn so ein Fummel im Geschäft mehrmals anprobiert wird, sieht es danach auch nicht mehr taufrisch aus.
Und bei uns?
Auch wenn die Kunden in Deutschland (noch) ehrlich zu sein scheinen, findet man auch hier immer wieder Sicherheitsvorkehrungen, um den Trend des übertriebenen Umtauschs einzudämmen: Etiketten, die so angebracht sind, dass man sie kaum verbergen kann, Sicherheitsplomben, die vor dem Tragen entfernt werden müssen, und akribische Verkäuferinnen, die die Sohlen zurückgegebener Schuhe gründlich unter die Lupe nehmen. Ein Schritt in die richtige Richtung, wie ich finde, damit Kunden mit ehrlichen Absichten ohne Ärger Kleidung umtauschen können, die wirklich nicht passen. Mit Maß und Ziel, versteht sich.Mehr Infos auf sueddeutsche.de.
Freitag, 21. März 2014
Aufreger der Woche #4 - Germany's next Topgurke
Die Gurken, die ich kenne, sind gerade - ganz egal, ob ich sie in Kiel oder in Freiburg kaufe. Da liegen zwanzig Klon-Gummern aufgereiht nebeneinander und übereinander, stramm wie Soldaten, gleich lang, gleich dick, gleich grün.
So passen sie alle ins Schächtelchen - sagt der Mitarbeiter im Supermarkt.
So muss ich nicht lange wühlen und mir die größte raussuchen - sagt die Kundin.
Die Natur denkt sich verdammt wenig dabei, wenn sie herzförmige Kartoffeln, siamesische Erdbeeren oder ringelschwänzige Gurken wachsen lässt. Wenn ich in meinen Garten schaue, sehe ich überall solche "Anderlinge", die so gar nichts mit ihren perfekten Verwandten aus dem Supermarkt zu tun haben. Beiße ich in einen Apfel, der krumm und schief gewachsen ist, schmeckt er genauso (oder sogar noch besser, da alte, nicht überzüchtete Sorte) wie sein Kollege, der in blauen Plastikmulden liegt und seinen wachsigen Überzug im Kunstlicht schillern lässt.
Einen Wermutstropfen hat die ganze Geschichte natürlich auch: Statt den Kunden daran zu gewöhnen, das hässliche Gemüse als normal zu betrachten, wird es als Marke eingeführt, die seine Andersartigkeit nur noch verstärkt - die Krönung zum Narrenkönig im Supermarkt statt Integration im Apfelkorb. Außerdem wird nur ein geringer Prozentsatz des Gemüses zum "Wunderling" gekürt, der Rest wird weiterhin auf andere Weise verarbeitet - die ganze Aktion ist also mehr Herzensangelegenheit als wirtschaftliche Maßnahme.
Schade eigentlich. Bleibt zu hoffen, dass die Aktionen öfter und länger angeboten werden. Verdient hat es das Gemüse ja.
So passen sie alle ins Schächtelchen - sagt der Mitarbeiter im Supermarkt.
So muss ich nicht lange wühlen und mir die größte raussuchen - sagt die Kundin.
Tomatige Idealmaße
Dass für beinahe jede dieser Gurken eine andere ihr Leben lassen musste, steht an den Preischildern nirgends. Fakt ist aber, dass Millionen Tonnen Obst und Gemüse auf dem Feld liegen bleiben, an Tiere verfüttert oder anderweitig verarbeitet werden, ehe es überhaupt in Reichweite eines Supermarktes oder zumindest eines Großhändlers kommt. Gründe dafür kann man in mehrseitigen PDFs der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung nachlesen - die Normen wurden glücklicherweise stark ausgedünnt, schreiben aber immer noch für viele landwirtschaftliche Produkte strikte Eigenschaften vor. Einerseits gut, um etwa angeschlagene oder von Schädlingen befallene Waren zu vermeiden, andererseits aber auch schlecht, weil diese Richtlinien keine Ausreißer zulassen. Wer zu groß, zu klein, zu krumm, zu knubbelig, zu sonderbar ist, fliegt.
Die Natur denkt sich verdammt wenig dabei, wenn sie herzförmige Kartoffeln, siamesische Erdbeeren oder ringelschwänzige Gurken wachsen lässt. Wenn ich in meinen Garten schaue, sehe ich überall solche "Anderlinge", die so gar nichts mit ihren perfekten Verwandten aus dem Supermarkt zu tun haben. Beiße ich in einen Apfel, der krumm und schief gewachsen ist, schmeckt er genauso (oder sogar noch besser, da alte, nicht überzüchtete Sorte) wie sein Kollege, der in blauen Plastikmulden liegt und seinen wachsigen Überzug im Kunstlicht schillern lässt.
Die schicke Hässlichkeit
Mit einer Studienarbeit machten vor geraumer Zeit drei Studenten auf die sogenannten Ugly Fruits aufmerksam - ein Versuch, mit charmant scheußlichem Gemüse und flotten Sprüchen die Leute aufzurütteln. Eine Idee mit Stil und Humor statt mit erhobenem Zeigefinger.Das hässliche Entlein - Die neue Marke
Aber: Es wird umgedacht. Bereits letztes Jahr wurden einige Kampagnen angestoßen, um den Kunden scheinbar hässliches Gemüse wieder näherzubringen. Unter verschiedenen Markennamen präsentierten Geschäfte wie Rewe oder Edeka Obst und Gemüse, das "etwas aus der Norm gefallen" ist, und machen damit darauf aufmerksam, dass gutes Aussehen nicht zwangläufig guten Geschmack und Qualität versprechen (ein paar Infos dazu in der Wirtschaftswoche).Einen Wermutstropfen hat die ganze Geschichte natürlich auch: Statt den Kunden daran zu gewöhnen, das hässliche Gemüse als normal zu betrachten, wird es als Marke eingeführt, die seine Andersartigkeit nur noch verstärkt - die Krönung zum Narrenkönig im Supermarkt statt Integration im Apfelkorb. Außerdem wird nur ein geringer Prozentsatz des Gemüses zum "Wunderling" gekürt, der Rest wird weiterhin auf andere Weise verarbeitet - die ganze Aktion ist also mehr Herzensangelegenheit als wirtschaftliche Maßnahme.
Neuer Zukunftstrend in Sicht?
Trotz allem ist es ein Schritt in die richtige Richtung, finde ich. Nach jahrelanger Gewöhnung an die Perfektion in der Obst- und Gemüseabteilung ist es ein angenehmer, eigentlich auch natürlicher Anblick, mal eine krumme Gurke oder dreibeinige Möhre zu sehen. Edeka gibt zwar zu, dass die Aktion vom Kunden durchaus angenommen wurde, aber zum Teil wohl auch wegen des niedrigeren Preises der "Wunderlinge". Weitere Aktionen seien also allerhöchstens saisonal denkbar, aber nicht die Regel.Schade eigentlich. Bleibt zu hoffen, dass die Aktionen öfter und länger angeboten werden. Verdient hat es das Gemüse ja.
Freitag, 14. März 2014
Aufreger der Woche #3 - Geschnitten Brot im Beutel
Neuer Freitag, neues Narf der Woche ;-)
Mein Brot backe ich üblicherweise zu 90 % selbst - schmeckt gut, macht mehr Spaß, hält sich länger, und ich weiß, was drin steckt.
Wenn ich einmal tatsächlich in die Verlegenheit komme, kein Brot mehr im Haus zu haben, verschlägt es mich auch mal in eine der örtlichen Bäckereien. Da ich allerdings nicht mitten in der Hauptstadt wohne, sondern fernab in der Peripherie, machen die hiesigen Bäckereien am Wochenende meistens nachmittags die Klappe zu. Und meistens fällt einem am Samstag Abend auf, dass da Ebbe in der Brotbox herrscht. Humpf.
Ich bin wirklich kein Freund von SB-Backshops - weder mag ich die Fertigbrote noch die Tatsache, dass alles so lieblos präsentiert wird (ganz davon abgesehen, dass ich den Gedanken scheußlich finde, wie viele Leute wohl "aus Versehen" das Brot oder die Brötchen in meiner Tüte angegrabscht haben). Da fummelt man aus der Plastikklappe das Objekt der Begierde, verfrachtet es auf ein Tablett mit Papierlätzchen und balanciert dieses zur Kasse, wo man im Sekundentakt abgefertigt wird.
Als ich letztens wieder notgedrungen so einen Backshop betreten musste und - vorbei an gefühlten zwanzig Regalmetern Snacks und belegten Brötchen - zu den Broten schlappte, traute ich meinen Augen nicht: Die Brote waren geschnitten und in Plastik eingetütet. Und zwar alle.
Ein freundliches Schildchen an den Fächern erwähnte, dass man, wenn man ungeschnittenes Brot will, bitte Laut geben soll. Was natürlich, zumindest während der Zeit, in der ich im Laden war, niemand tat. Und ich? Ich weinte innerlich. Das Brot in seinem Plastikkleidchen schwitzte auf Teufel komm raus, weil es im noch warmen Zustand geschnitten worden war. Die Scheiben waren teilweise zerrissen, pappten aneinander, waren, gerade beim Vollkornbrot, viel zu dick, und das Endstück war teilweise auf gut 5 cm ungeschnitten und würde vermutlich entsorgt werden.
Von dieser Vergewaltigung des Brotes mal ganz abgesehen bedeutet das ganze, dass mal eben dutzende Plastiktüten gefüllt, verknotet, zuhause vom Käufer wieder aufgerissen und dann weggeworfen werden. Der Service, dem Kunden das Brot zu schneiden, ist an sich ja eine nette Geste und wird von vielen Bäckereien angeboten, aber fast alle füllen das geschnittene Brot danach in einen Plastikbeutel - während das ungeschnittene Brot in die Papiertüte darf. Eigenartig, oder?
An dem Tag tütete ich notgedrungen ein paar Brötchen in eine Papiertüte und zog meiner Wege. Und zuhause streichelte ich dann meinen Allesschneider, der mir unter anderem auch sauber geschnittene Brotscheiben liefert, und versprach ihm das nächste Mal Arbeit.
Mit selbst gebackenem Brot :)
Mein Brot backe ich üblicherweise zu 90 % selbst - schmeckt gut, macht mehr Spaß, hält sich länger, und ich weiß, was drin steckt.
Wenn ich einmal tatsächlich in die Verlegenheit komme, kein Brot mehr im Haus zu haben, verschlägt es mich auch mal in eine der örtlichen Bäckereien. Da ich allerdings nicht mitten in der Hauptstadt wohne, sondern fernab in der Peripherie, machen die hiesigen Bäckereien am Wochenende meistens nachmittags die Klappe zu. Und meistens fällt einem am Samstag Abend auf, dass da Ebbe in der Brotbox herrscht. Humpf.
Ich bin wirklich kein Freund von SB-Backshops - weder mag ich die Fertigbrote noch die Tatsache, dass alles so lieblos präsentiert wird (ganz davon abgesehen, dass ich den Gedanken scheußlich finde, wie viele Leute wohl "aus Versehen" das Brot oder die Brötchen in meiner Tüte angegrabscht haben). Da fummelt man aus der Plastikklappe das Objekt der Begierde, verfrachtet es auf ein Tablett mit Papierlätzchen und balanciert dieses zur Kasse, wo man im Sekundentakt abgefertigt wird.
Als ich letztens wieder notgedrungen so einen Backshop betreten musste und - vorbei an gefühlten zwanzig Regalmetern Snacks und belegten Brötchen - zu den Broten schlappte, traute ich meinen Augen nicht: Die Brote waren geschnitten und in Plastik eingetütet. Und zwar alle.
Von dieser Vergewaltigung des Brotes mal ganz abgesehen bedeutet das ganze, dass mal eben dutzende Plastiktüten gefüllt, verknotet, zuhause vom Käufer wieder aufgerissen und dann weggeworfen werden. Der Service, dem Kunden das Brot zu schneiden, ist an sich ja eine nette Geste und wird von vielen Bäckereien angeboten, aber fast alle füllen das geschnittene Brot danach in einen Plastikbeutel - während das ungeschnittene Brot in die Papiertüte darf. Eigenartig, oder?
An dem Tag tütete ich notgedrungen ein paar Brötchen in eine Papiertüte und zog meiner Wege. Und zuhause streichelte ich dann meinen Allesschneider, der mir unter anderem auch sauber geschnittene Brotscheiben liefert, und versprach ihm das nächste Mal Arbeit.
Mit selbst gebackenem Brot :)
Freitag, 7. März 2014
Aufreger der Woche #2 - Papp-A-Trap im Büro
Dreimal dürft ihr raten, wo dieses Maschinchen samt Bechern steht.
Im Coffee-Shop? Nöp.
In der SB-Bäckerei? Niente.
In der Büro-Kaffeeküche? Bingo.
Meine Kollegen, die allesamt wahre Kaffee-Junkies sind, schlürfen literweise Kaffee. Größtenteils im Büro oder Sitzungsräumen (da hauen die mal eben ein Kilo Kaffee pro Tag weg. Ernsthaft.).
Wir haben den Service im Haus, dass man uns frisch gespülte Tassen bereitstellt und die dreckigen auch wieder wegbringt. Trotzdem staune ich immer, dass viele Mitarbeiter lieber ein Pappbecherchen an ihren Platz tragen, statt die Tasse zu nehmen. Natürlich nimmt man für jeden neuen Kaffee ein frisches Becherchen, ein frisches Deckelchen, ein frisches Umrühr-Stäbchen. Und angesichts der Menge, die mancher sich da vor dem Monitor hinter die Binde gießt, kommen schon zweidreiviele Becher zusammen.
Ich persönlich bin nicht wirklich Freund dieser Becher, kann ihr Dasein aber durchaus verstehen. Unterwegs sind Tassen doof, und kaum jemand schleift permanent eine Warmhaltekanne mit. Wenn einen im Bahnhof der Kaffee-Jieper erwischt und man keine Zeit mehr hat, ihn im Coffee-Shop zu trinken, hat man einfach keine Wahl. Und ja, ich gestehe - auch ich habe ab und an so ein Becherchen in den Pfoten, wenn ich mal wieder verschwitzt habe, freitags meine Isokanne einzupacken *schäm*
Trotz allem sind die Becher fürs Käffchen eine Katastrophe für die Ökobilanz. Letzten Sommer schrieb Stern, dass jährlich mal eben locker-flockige 23 Milliarden Becher auf dem Müll landen. Und dass immer mehr Kaffee außer Haus getrunken wird - also nix da mit gemütlich im Filter brühen oder im Café das obligatorische Kännchen ordern. Der Kaffee ist zum Unterwegs-Getränk geworden.
Ich grinse ja regelmäßig, wenn ich einen bestimmten Becher-Print sehe, den mit Personen samt Käffchen, die gestresst dahinflitzen. Der typische Coffee-to-Go-Trinker?
Aber wozu im Büro? Weil man die dreckige Tasse nicht mehr in die Kaffeeküche tragen will? Angesichts mancher Kaffeetassen-Türme, die sich auf zahlreichen Tischen stapeln, scheint das ein recht naheliegender Grund zu sein (in manchen Räumen scheinen die geheime Bio-Projekte durchzuführen, mit ganztags herabgelassenen Rollos, ausgeschaltetem Licht und Heizung an. Ich rechne mittlerweile täglich damit, morgens um 7 Uhr einem Buchsbaum-E.T. zu begegnen ...).
Nun gut, sei es drum. Ich benutze das ganze Jahr über meine Schneemann-Tasse im Büro (ja, ernsthaft), weil die Pappdinger für meinen riesen Milchkaffee ohnehin immer zu klein sind. Und für unterwegs habe ich mir vom Männeke zu Ostern einen kleinen Mehrweg-Becher gewünscht, den kann ich leichter mitnehmen - als Dauerpendler Freitag Nachmittag im ICE zu sitzen und keinen Kaffee zu haben ist ein Worst Case.
Insofern - prost!
Freitag, 28. Februar 2014
Aufreger der Woche #1 - Das MHD
Freitags werde ich immer ein kleines, persönliches Anekdötchen veröffentlichen, mit einem Thema, das mich beschäftigt und mir Bauchgrimmen verursacht - den Aufreger der Woche. Das soll kein erhobener Zeigefinger sein, sondern einfach die kleinen Gewohnheiten, die man so gern übersieht und die beim kritschen Hinschauen eigentlich eine Katrastrophe für unser Müllproblem sind.
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"Tu den mal weg, der ist abgelaufen."
Neulich, 14 Uhr, in der Kaffeeküche. Kollegin A. beäugt meinen Joghurt, den ich in der Hand halte. Ein ganzer Becher voll, ungeöffnet, 500 g allerbester Naturjoghurt. Und vorgestern das Sterbedatum aka MHD erreicht. Ich bin verdutzt. Meint sie das ernst?
"Isst du den etwa noch?" Naserümpfen. "Ich bin da ja immer vorsichtig. Gerade bei Milchzeugs, das gammelt doch meistens schon 5 Tage vorher. Nee, nee, ich würde auch niemals diese reduzierten Sachen kaufen, die morgen oder so ablaufen. Sind wahrscheinlich all die Joghurtbecher, die man abends aus dem Fach mit den Chipstüten kramt, weil der Käufer den Becher kurz vor der Kasse doch nicht haben wollte."
Ich schweige, schließe den Kühlschrank und nehme meinen armen Joghurt mit in mein Büro. Und dort schaue ich ihn mir mal genauer ein. Kein gewölbter Deckel - in Normalfall ein gutes Zeichen. Macht der Deckel einen Buckel, stimmt was nicht. Und meistens passiert so was schon laaange vor dem MHD. Ein Öffnen des Bechers zeigt - alles in Ordnung. Sieht aus wie Joghurt, riecht wie Joghurt, und schmecken tut er auch noch. Hätte ich nicht auf das Datum auf dem Deckel geschaut, hätte ich ihn ohne Mucken gelöffelt. Warum also diese MHD-Panik?
Per Definition ist das Mindesthalbarkeitsdatum kein "Sterbedatum", ab dem ein Lebensmittel nicht mehr "gut" ist, sondern eine gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichnung verderblicher Waren. Im Grunde bedeutet dieses Datum nur:
Heutiges Datum > MHD: Das Produkt ist ohne größere Einbußen in Geschmack und Qualität sowie ohne gesundheitliches Risiko zu essen.
Heutiges Datum <= MHD: Das Produkt ist noch verzehrfähig, kann aber anders aussehen, schmecken und seine Konsistenz verändert haben. Und - natürlich - verdorben sein. Was es aber zwangläufig nicht muss.
Differenzieren muss man das MHD allerdings ganz gewaltig vom Verbrauchsdatum, das etwa auf Fleisch steht - gerade bei rohem Fleisch ist Vorsicht geboten, und da beäuge auch ich immer staunend die teilweise utopische Lebensdauer des rohen Hackfleischs, das da unter Plastikfolie und Gasklima tagelang jung und knackig bleiben soll. Fleisch verbrauche ich grundsätzlich immer sofort oder friere es zumindest ein.
Laut der Zeit wirft jeder Bundesbürger pro Jahr über 80 kg Lebensmittel weg - und davon war fast die Hälfte noch genießbar (Quelle: zeit.de). Man fragt sich: Warum? Angst vor verdorbenem Magen? Überfluss? Faulheit, etwas auf seine Genießbarkeit zu testen? Gewohnheit?
In relativ vielen Geschäften beobachtet man mittlerweile aber eine angenehme Entwicklung, die meine Kollegin so verdammte: Kruschel-Ecken, etwa im Kühlregal, wo Produkte, die kurz vor dem Ablaufen sind, reduziert werden bzw. einen Aufkleber zur Markierung erhalten. Schon mehr als einmal habe ich diese Produkte gekauft und gegessen, teilweise sogar erst mehrere Tage nach dem MHD. Bisher war sehr, sehr selten etwas dabei, das wirklich verdorben war. Und das habe ich immer direkt gemerkt.
Überhaupt scheint vielen Menschen das natürliche Gespür abhanden gekommen zu sein, verdorbene Lebensmittel zu erkennen. Ob etwas sauer, ranzig, vergoren riecht bzw. schmeckt, ob es seine Farbe, Textur oder Konsistenz bedenklich verändert hat, ob es knistert, blubbert, schäumt - will man seinen Sinnen mehr vertrauen als einem schnöden Datum, außen aufs Plastikkleidchen der Nahrung gedruckt? Womöglich müsste man diesen "Gammel-Sinn" erst wieder trainieren.
Aber selbst wenn der mal versagt: Wer hat nicht schon mal eine angeschimmelte Käsescheibe, einen Schluck gekippte Milch, ein etwas beschwippst schmeckendes Stück Wassermelone in den Magen bekommen? Ist man daran gestorben? Ich zumindest eher selten.
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"Tu den mal weg, der ist abgelaufen."
Neulich, 14 Uhr, in der Kaffeeküche. Kollegin A. beäugt meinen Joghurt, den ich in der Hand halte. Ein ganzer Becher voll, ungeöffnet, 500 g allerbester Naturjoghurt. Und vorgestern das Sterbedatum aka MHD erreicht. Ich bin verdutzt. Meint sie das ernst?
"Isst du den etwa noch?" Naserümpfen. "Ich bin da ja immer vorsichtig. Gerade bei Milchzeugs, das gammelt doch meistens schon 5 Tage vorher. Nee, nee, ich würde auch niemals diese reduzierten Sachen kaufen, die morgen oder so ablaufen. Sind wahrscheinlich all die Joghurtbecher, die man abends aus dem Fach mit den Chipstüten kramt, weil der Käufer den Becher kurz vor der Kasse doch nicht haben wollte."
Ich schweige, schließe den Kühlschrank und nehme meinen armen Joghurt mit in mein Büro. Und dort schaue ich ihn mir mal genauer ein. Kein gewölbter Deckel - in Normalfall ein gutes Zeichen. Macht der Deckel einen Buckel, stimmt was nicht. Und meistens passiert so was schon laaange vor dem MHD. Ein Öffnen des Bechers zeigt - alles in Ordnung. Sieht aus wie Joghurt, riecht wie Joghurt, und schmecken tut er auch noch. Hätte ich nicht auf das Datum auf dem Deckel geschaut, hätte ich ihn ohne Mucken gelöffelt. Warum also diese MHD-Panik?
Per Definition ist das Mindesthalbarkeitsdatum kein "Sterbedatum", ab dem ein Lebensmittel nicht mehr "gut" ist, sondern eine gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichnung verderblicher Waren. Im Grunde bedeutet dieses Datum nur:
Heutiges Datum > MHD: Das Produkt ist ohne größere Einbußen in Geschmack und Qualität sowie ohne gesundheitliches Risiko zu essen.
Heutiges Datum <= MHD: Das Produkt ist noch verzehrfähig, kann aber anders aussehen, schmecken und seine Konsistenz verändert haben. Und - natürlich - verdorben sein. Was es aber zwangläufig nicht muss.
Differenzieren muss man das MHD allerdings ganz gewaltig vom Verbrauchsdatum, das etwa auf Fleisch steht - gerade bei rohem Fleisch ist Vorsicht geboten, und da beäuge auch ich immer staunend die teilweise utopische Lebensdauer des rohen Hackfleischs, das da unter Plastikfolie und Gasklima tagelang jung und knackig bleiben soll. Fleisch verbrauche ich grundsätzlich immer sofort oder friere es zumindest ein.
Laut der Zeit wirft jeder Bundesbürger pro Jahr über 80 kg Lebensmittel weg - und davon war fast die Hälfte noch genießbar (Quelle: zeit.de). Man fragt sich: Warum? Angst vor verdorbenem Magen? Überfluss? Faulheit, etwas auf seine Genießbarkeit zu testen? Gewohnheit?
In relativ vielen Geschäften beobachtet man mittlerweile aber eine angenehme Entwicklung, die meine Kollegin so verdammte: Kruschel-Ecken, etwa im Kühlregal, wo Produkte, die kurz vor dem Ablaufen sind, reduziert werden bzw. einen Aufkleber zur Markierung erhalten. Schon mehr als einmal habe ich diese Produkte gekauft und gegessen, teilweise sogar erst mehrere Tage nach dem MHD. Bisher war sehr, sehr selten etwas dabei, das wirklich verdorben war. Und das habe ich immer direkt gemerkt.
Überhaupt scheint vielen Menschen das natürliche Gespür abhanden gekommen zu sein, verdorbene Lebensmittel zu erkennen. Ob etwas sauer, ranzig, vergoren riecht bzw. schmeckt, ob es seine Farbe, Textur oder Konsistenz bedenklich verändert hat, ob es knistert, blubbert, schäumt - will man seinen Sinnen mehr vertrauen als einem schnöden Datum, außen aufs Plastikkleidchen der Nahrung gedruckt? Womöglich müsste man diesen "Gammel-Sinn" erst wieder trainieren.
Aber selbst wenn der mal versagt: Wer hat nicht schon mal eine angeschimmelte Käsescheibe, einen Schluck gekippte Milch, ein etwas beschwippst schmeckendes Stück Wassermelone in den Magen bekommen? Ist man daran gestorben? Ich zumindest eher selten.
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